HAGER Top-Voices: Warum die modernste Selbstverwaltung Deutschlands kein IT-Projekt ist, sondern eine Frage der Haltung – Stephan Wolter im Dialog mit Jorma Schüch.

Die Digitalisierung der öffentlichen Hand gilt oft als zäher Prozess. Doch wie transformiert man eine Institution, die über 700 verschiedene Produkte und hoheitliche Aufgaben koordiniert? Jorma Schüch, Principal Public bei HAGER Executive Consulting, hat bei Stephan Wolter nachgefragt. Als CDO, CIO und Deputy CEO der IHK Berlin treibt Wolter den Umbau der Kammer voran – mit Fokus auf messbare Ergebnisse, KI-Agenten und neue Bildungswege.
Digitale Architektur für 700 Produkte
Jorma Schüch: Herr Wolter, Sie besetzen bei der IHK Berlin eine Schlüsselrolle als CIO und CDO. Warum braucht eine Kammer heute diese technologische Führung direkt auf Management-Ebene?
Stephan Wolter: Die IHK ist Interessenvertretung, Dienstleister und Träger hoheitlicher Aufgaben in einem. Wir managen über 700 Angebote für unsere Mitglieder – von der Ausbildungsbetreuung bis zur Fachkräfteberatung. Dieser „Bauchladen“ ist komplex. Um ihn in die modernste Selbstverwaltung Deutschlands zu verwandeln, müssen wir digitale Anforderungen systematisch angehen und Prozesse konsequent optimieren. Das erfordert volles Commitment im Management.
KI in der Praxis: Der „Digitale Zwilling“ der Mitgliedschaft
Jorma Schüch: Das Thema KI wird oft abstrakt diskutiert. Wo schaffen Sie bereits heute konkrete Mehrwerte?
Stephan Wolter: Wir sind über das Stadium des reinen Experimentierens hinaus. Nach einem Befähigungsprogramm für unsere Belegschaft nutzen wir bereits interne KI-Agenten: Sie fassen Presseberichte zusammen, erschließen Wissen aus IT und Beschaffung oder automatisieren die Zuordnung von Branchenkennzeichen.
Besonders wertvoll sind die Erkenntnisse aus dem digitalen Zwilling unserer Mitgliedschaft. Er hilft uns bei der Entwicklung passgenauer Angebote. Noch in diesem Jahr werden wir KI-gestützte Beratungen online bringen – etwa für die Ausbildung oder für internationale Fachkräfte.
Erfolg messen: Wenn Rendite keine Kennzahl ist
Jorma Schüch: Als IHK jagen Sie keine klassischen Gewinnziele. Woran machen Sie fest, dass Ihre Digitalstrategie funktioniert?
Stephan Wolter: Wir übersetzen jeden Kontakt – ob politische Positionierung, Prüfung oder Beratung – in messbare Produktnutzung und evaluieren die Mitgliederzufriedenheit. Für die IT-Seite nutzen wir einen spezifischen Digitalisierungsgrad: Wir schauen auf die Umsetzung technischer Anforderungen, die Prozess-Effizienz und die Anzahl der produktiven Lösungen im Feld.
„Wir müssen weg von der reinen Verwaltungssicht. Digitalisierung entlastet Unternehmen und Bürger nur dann spürbar, wenn wir die Prozesse konsequent aus der Perspektive derer bauen, die sie am Ende nutzen.“ — Stephan Wolter, IHK Berlin
Warum die Digitalisierung in Berlin oft hakt
Jorma Schüch: Wo liegen die realen Blockaden und was macht Ihnen für den Standort Berlin Hoffnung?
Stephan Wolter: In Berlin sehen wir die Probleme wie unter einem Brennglas: komplexe Zuständigkeiten, zu viele Insellösungen und mangelnde Standards. Die aktuelle Verwaltungsreform ist jedoch ein entscheidender Hebel. Wenn Verantwortlichkeiten klarer und Prozesse gesamtstädtisch gesteuert werden, kommt die Digitalisierung aus der Pilotphase endlich in die Fläche. Wenn wir Tempo und Pragmatismus beibehalten, wird aus dem Rückstand ein Modernisierungsschub.
Bildungssystem: Update für die digitale Wirtschaft
Jorma Schüch: Die Wirtschaft braucht händeringend digitale Kompetenz. Ist unser Bildungssystem darauf vorbereitet?
Stephan Wolter: Das duale System ist ein Pfund, aber die Neuordnungsverfahren dauern oft zu lange. Viele Berufsbilder hinken der digitalen Realität hinterher. Zudem fehlen digitale Kooperationen zwischen den Lernorten. Wir als IHKs halten mit Zusatzqualifikationen und Weiterbildungen – etwa zum KI-Manager – dagegen. Wir müssen das System modernisieren: modularere Wege, mehr Praxisbezug und deutlich schnellere Updates der Ausbildungsordnungen.
Ein Rat an die Talente von morgen
Jorma Schüch: Was geben Sie jungen Fachkräften mit auf den Weg, um mit dem Tempo der Entwicklung Schritt zu halten?
Stephan Wolter: Digitalisierung und KI sind Chancen. Wer die Haltung hat, Dinge auszuprobieren, gewinnt. Die Frage „Geht das nicht einfacher oder schneller?“ lässt sich heute fast immer mit einem digitalen Tool beantworten. Wer diese Neugier mit agilen Methoden verbindet, hat das beste Handwerkszeug für die Karriere von morgen.
HAGER Expertise: Public Sector & Digital Leadership
Der Dialog mit Vordenkern wie Stephan Wolter unterstreicht unseren Anspruch bei HAGER Executive Consulting: Wir verstehen die spezifischen Anforderungen der öffentlichen Hand und der Selbstverwaltung. Als Experten für den Public Sector begleiten wir Organisationen dabei, die richtigen Führungspersönlichkeiten für die digitale Transformation zu finden – diskret, kompetent und mit tiefem Marktverständnis.



