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BESCHLEUNIGUNG DER UMSTELLUNG BEI ERNEUERBAREN ENERGIEN

20/01/2022

Wird durch die Umstellung auf Erneuerbare Energien die Branche weiblicher bzw. diverser?

Ulf Gissel, Experte im Bereich Energie bei der auf Executive Search spezialisierten Hager Unternehmensberatung im Interview mit Natascha Zeljko, F10.

Ulf Gissel BESCHLEUNIGUNG DER UMSTELLUNG BEI ERNEUERBAREN ENERGIEN
Ulf Gissel – Beschleunigung der Umstellung bei erneuerbaren Energien

Sie arbeiten schon seit Längerem in der Energiebranche. Klingt eher nach einer trockener Materie, zumindest war das bis vor ein paar Jahren so. Was hat Sie an diesem Thema gereizt?

Meine erste Berührung mit regenerativen Energien hatte ich im Bereich der Wasserwirtschaft. So richtig eingetaucht in die Materie bin ich dann seit meinem Wechsel in die Personalberatung 2018. Spätestens da hatte ich das Thema in all seiner Vielschichtigkeit durchdrungen. Es geht nicht nur um Energieerzeugung, sondern auch um Energiehandel, Distribution, Vertrieb bis hin zum Energiedienstleistungsgeschäft. Gerade bei den Erneuerbaren Energien gibt es sehr viele innovative Unternehmen mit interessanten Geschäftsmodellen, welche die Weichen für das Energiesystem der Zukunft stellen. Seitdem ist meine Leidenschaft für dieses Segment entbrannt. Ich setze mich für die Beschleunigung der Energiewende ein, indem ich jene Menschen in der Branche zusammenbringe, die zusammengehören.

Hat es Sie überrascht, wie stark das Thema Erneuerbare Energien immer noch polarisiert?

Nein, das hat mich nicht überrascht. Immerhin war es eines der großen Wahlkampfthemen. Und auf regionaler Ebene wird es immer wieder kontrovers diskutiert, das beste Beispiel sind Windräder. Da werden emotionale Debatten geführt, zwischen den Befürworten und den Kritikern, die monieren, Windräder verschandelten die Landschaft. Aus meiner Sicht ist hier Aufklärung gefragt. Man muss die Menschen vom Nutzen überzeugen und Akzeptanz schaffen. Was ich von den Fachmessen mitbekommen habe ist, dass die gesamte Branche ein mutiges Bekenntnis der neuen Regierung fordert. In der zurückliegenden Legislaturperiode hat man sich große Ziele gesteckt, mit einer eher ernüchternden Umsetzung. Die Branche steht aus meiner Sicht bereit, die Herausforderungen anzugehen und den konsequenten Ausbau von Erneuerbaren zu schaffen.

Für einen echten Wandel braucht es auch immer ein verändertes Mindset und Pluralität. Speziell die Energiebranche ist aber noch sehr wenig divers.

Ja, das stimmt. Die konventionelle Energiebranche ist immer noch alt, weiß und männlich, um es auf eine Formel zu bringen. Das ist nicht nur ein Vorurteil, sondern gelebte Realität in vielen deutschen Unternehmen, übrigens nicht nur im Energiesektor. Nur rund 16 Prozent aller Unternehmen in Deutschland werden von Frauen geführt, der Frauenanteil in DAX-Vorständen liegt bei 17,8 Prozent. Es besteht also immer noch Handlungsbedarf. In der Energiewirtschaft, gerade im technischen Bereich, gibt es sehr wenig Frauen. Selbst Unternehmen, die proaktiv versuchen, Frauen zu fördern und in Führungspositionen zu bringen, stehen vor der Herausforderung, dass es kaum Auswahl gibt. Das liegt sicherlich auch an den Rahmenbedingungen. Viele Unternehmen können sich beispielsweise keine Führungskraft in Teilzeit vorstellen. In diesem Punkt sind andere Branchen schon weiter und haben gezeigt, was alles möglich ist.

Inwiefern sind in den neueren Firmen Veränderungen erkennbar – auch im Sinne eines höheren weiblichen Anteils?

Bei den Firmen in den Erneuerbaren Energien sieht man schon eine gewisse Veränderung und Offenheit. Trotzdem hat man natürlich nach wie vor das Problem, dass es noch zu wenig Fachfrauen auf dem Gebiet gibt. Deshalb freut es mich ganz besonders, dass hier tolle Initiativen entstehen. Seit 2019 unterstütze ich w.one, das steht für „Women of New Energy“. Das ist ein ambitioniertes Netzwerk, das Frauen in den erneuerbaren Energien miteinander verbindet. Es bietet Formate zu beruflichen Impulsen und zur persönlichen Weiterentwicklung, etwa in Form von Mentoring-Programmen für Berufseinsteigerinnen und Frauen in Führungspositionen. Was mir gut gefällt an dem Netzwerk, ist der offene und wertschätzende Umgang – vor allem aber der Mut, die Themen auch umzusetzen. Aus meiner Sicht würden wir enorm profitieren, wenn wir hier mehr Diversität hätten. Frauen und Männer sind keine Konkurrenten, sondern Kooperationspartner auf dieser spannenden Reise, immer mit dem Ziel, gemeinsam den Weg der Chancengerechtigkeit zu beschreiten. Das müssen vor allem die Männer lernen.

Wie gelingt das?

Indem man sie beispielsweise zu solchen Veranstaltungen mitnimmt. Als ich das erste Mal zu Gast war, saßen in dem Raum ca. 60 Frauen. Da waren auch ein paar Männer dabei, ich war aber der Einzige auf der Bühne. Und dann merkt man ganz schnell: Im Grunde ist es gar nicht wichtig, wenn man ein gemeinsames Thema, eine gemeinsame Mission hat. Viele haben so eine Erfahrung noch nie gemacht, denen muss man das näherbringen. Dafür möchte ich mich einsetzen, dass es irgendwann eben kein Thema mehr ist. Die Unternehmen wiederum sollten Frauen stärker fördern und ihnen glaubhaft vermitteln, dass sie karrieretechnisch auch vorankommen. Sie können nicht nur warten, bis sich mal jemand bewirbt oder eine Frau auf sie zukommt, sondern müssen da proaktiv rangehen. Umgekehrt gilt das auch für die Frauen. Sie sollten selbstbewusster sein und auch mehr einfordern. Die Schließung dieser geschlechtsspezifischen Lücke ist von entscheidender Bedeutung, weil Frauen vor allem in Erneuerbaren Energien die treibende Kraft von innovativen, interaktiven oder integrativen Lösungen sind. Damit die Energiewende gelingt, brauchen wir eine stärkere Beteiligung eines vielfältigen Talent-Pools. Ein Lichtblick ist in dieser Hinsicht die junge Generation. Die geht ganz anders mit diesen Themen um. Hier müssen Unternehmen ansetzen: Nicht die individuelle Prägung, sondern die Performance sollte über Karrierechancen bestimmen.

Sprechen wir mal über Technologien. Was sind aus Ihrer Sicht die derzeit wichtigsten Treiber?

Wir leben in aufregenden Zeiten! Durch künstliche Intelligenz, Machine Learning und IoT wächst das Wissen exponentiell. Wenn man sich die Menschheitsgeschichte ansieht, dann hat sich in kürzester Zeit extrem viel verändert und alles auf den Kopf gestellt, was man für gesichert hielt. Ein Beispiel: 2019 war das erste Jahr, in denen die Energienachfrage stieg, während die fossile Stromerzeugung sank. Es war das erste Jahr, in dem Nuklearenergie und erneuerbare Energien weltweit zusammen so viel Strom erzeugten wie Kohlekraftwerke. Da ist viel in Bewegung und es gibt sehr interessante Trends. Etwa den Ausbau von emissionsfreiem Wasserstoff und Ammoniak als Alternativen zur Elektrifizierung. Bezogen auf Elektrifizierung ist das eine der größten Neuerungen in Kombination mit Sektor-Kopplung für ein flexibles Energiesystem. Integrierte Strom-Wärme-Konzepte für Industrie oder auch die Umwandlung von Wind und Solar in Wasserstoff oder Methan, also Power-to Gas bzw. Power-to-Liquids. Und letztlich ist auch die Steigerung von Energieeffizienz und die Senkung des Energiebedarfs ein wichtiger Punkt. Das heißt, jeder und jede Einzelne kann daran mitwirken. Wenn man sich überlegt, wie viele Strom für Nonsens verbraucht wird, da kann man massiv einsparen.

Was bedeutet das alles für das Thema Recruiting? Was sind denn die die spannenden Jobs, die in der Branche gerade entstehen? Welche Skills sind gefragt?

Ich würde gar nicht auf spezifische Profile eingehen, das wandelt sich stetig. Was aus meiner Sicht viel wichtiger ist als irgendein Job-Titel: Wir müssen Potenziale messbar machen, statt nur rein auf die Erfahrung zu schauen und danach zu rekrutieren. Deswegen sind soziale Skills wichtiger denn je. Wir sollten bereits bei den Kindern in der Schule anfangen, sie nicht zu Konkurrenten oder Maschinen zu erziehen. Die Maschine wird immer die schnellere Rechenleistung erbringen. Den Wettlauf verliert man. Wir sollten die Kinder vielmehr stärken in Sachen Teamwork, Empathie, Kreativität – im Grunde in allem, das uns maßgeblich vorangebracht hat in unserer menschlichen Entwicklung. Deswegen ist soziale Kompetenz der wichtigste Faktor in den kommenden Jahren, unabhängig von der konkreten Position oder Hierarchieebene. Davon abgesehen kommen viele spannende Themen auf uns zu. Wie sieht der Arbeitsplatz von morgen aus? Stichwort Meta: Werden wir morgens in unseren Avatar schlüpfen, damit einkaufen und dann digital ins Büro gehen? Da kommen Fragestellungen auf uns zu, mit denen wir vorher noch nie zu tun hatten und mit denen wir uns beschäftigen müssen.

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