
Was Unternehmen dieser Generation bieten müssen
Sie sind nicht belastbar, wollen möglichst viel Freizeit und sind gleichzeitig so anspruchsvoll wie keine Generation vor ihnen. Sie kennen kaum Loyalität ihren Arbeitgebern gegenüber und verlangen mehr als sie selbst geben. Die Jahrtausendkinder, kurz Gen Z, haben es schwer im Job. Ihnen begegnen Vorurteile und erst wenige Unternehmen haben sie als Schlüssel zur Zukunftsfähigkeit erkannt.
Das Interview mit Tim Gering und Daniel Kutschenko
Sind die Jahrtausendkinder wirklich so schlecht wie ihr Ruf?
Tim Gering: „Diese Generation hat hohe Erwartungen. Sie legt Wert auf eine gesunde Lebensweise, nachhaltige Mobilität und kann sich ein Leben ohne digitale Technologie nicht vorstellen. Sie ist auf jeden Fall selbstbewusster als die Babyboomer, was sich daran zeigt, dass ‚blinder Gehorsam‘, also alles tun, was der Arbeitgeber vorschreibt, für sie der Vergangenheit angehört. Damit müssen Unternehmen erst einmal klarkommen und etwa schnelle Jobwechsel nicht automatisch mit Illoyalität gleichsetzen.“
Welche Themen stehen stärker im Fokus?
Tim Gering: „Karrierewege werden heute anders geplant und auch gelebt als früher. Sich in einem Unternehmen über Jahre ‚hocharbeiten‘ wird nicht mehr in dem Maße angestrebt. Jobhopping ist bei Jüngeren wichtiger geworden, man will breitere Erfahrung sammeln und internationaler arbeiten. Die Schwelle für einen Arbeitsplatzwechsel ist also niedriger.“
Lockt das Gehalt?
Tim Gering: „Kaum. Für die Gen Z ist das Gehalt tatsächlich nicht mehr der Hauptgrund, einen Job zu ergreifen. Sie will sich einbringen und mitgestalten. Auch Flexibilität im Arbeitsalltag ist ihr wichtig. Stolz zu sein auf viele All-Nighter ist vorbei. Arbeit soll das Leben bereichern, nicht definieren, ist das Credo. Was die Babyboomer ‚heiß‘ machte, eine glänzende Karriere und ein hohes Gehalt, lässt die Gen Z eher kalt. Lieber kündigt man, als unzufrieden im Job zu bleiben. Derzeit ziehen 33 Prozent der Gen Z – und 44 Prozent der Millennials – in Erwägung, ihren Job ohne Aussicht auf eine neue Stelle zu kündigen (Deloitte Global Zen & Millennial Survey, 2022). Stress, fehlende Wertschätzung und fehlende sinnstiftende Tätigkeit stehen hierbei als Beweggründe im Raum. Die markante Zahl der akut Wechselwilligen sollte Unternehmen ein Ansporn sein. Sie müssen augenblicklich neben karrierefördernden Maßnahmen mit einer Unternehmenskultur gegenlenken, die auf diese Generation eingeht.“
Apropos Stress. Wie gehen die Jüngeren mit Druck um?
Tim Gering: „Sie seien die ‚Generation Snowflake‘ weht den Millennials nach wie vor hart um die Ohren, was unterstellt, sie seien so extrem sensibel, dass sie wie Schneeflocken schmelzen, sobald Reibung oder auch nur leiseste Kritik aufkommt. Für die Nachfolgegeneration Z wird das abwertende Schlagwort ebenfalls gern angewandt. Tatsache ist, dass die jüngste Generation im Joballtag mehr als jede andere davor unter psychischen Problemen leidet; die Gründe dafür sind vielschichtig und auch den Krisen der vergangenen Jahre und aktuellen Zukunftsängsten geschuldet. Andererseits kommunizieren die Jahrtausendkinder weitaus selbstverständlicher ihre Probleme, was den Weg frei macht für einen offeneren Umgang mit mentaler Gesundheit.“
Wie gewinnt HAGER diese Zielgruppe?
Daniel Kutschenko: „HAGER spricht und versteht die ‚Sprache‘ dieser Generation sehr genau. Unsere Business Unit IT-Services & Operations etwa besteht zum Großteil aus Digital Natives, die eng mit langjährig erfahrenen Experten zusammenarbeiten. HAGER hat schon immer die Digitalisierung auch aus der Meta-Ebene betrachtet, das heißt, wie diese in allen Branchen wirksam ist und die Welt der Zukunft, in der die Generation Z ihr Arbeitsleben verbringt, weiter umwälzend gestaltet.“
Haben Unternehmen Berührungsängste?
Daniel Kutschenko: „Einige schon. Unternehmen müssen generell mehr ‚Geschmack‘ auf die Gen Z bekommen und mögliche Vorurteile ihr gegenüber relativieren, ein extrem wichtiger Schritt. Denn schon in naher Zukunft wird diese Annäherung überlebenswichtig sein. Da sich die jungen Menschen schneller nach anderen Arbeitsplätzen umsehen, müssen Arbeitgeber konkretere Anstrengungen unternehmen, um gute und exzellent ausgebildete Mitarbeiter zu binden. Mit anderen Worten, Unternehmen müssen verstehen, was junge Menschen antreibt und beschäftigt, und ihnen Dinge anbieten, die ganz individuell auf die Person und ihre Bedürfnisse abgestimmt sind. Sei es eine flache Hierarchie, die Option einige Zeit vom Ausland aus arbeiten zu können oder flexible Gestaltungs- und Weiterentwicklungsmöglichkeiten. Gerade jüngere Berufstätige erwarten mehr hybride Arbeitsmodelle. Außerdem sind interne Mentoringpartner gefragt. Wichtig ist bei allem das Anbieten einer Perspektive. Sobald die Jungen ein Gefühl der Stagnation haben, sind sie raus.“
Was sind Fehler, die Unternehmen bei der Annährung vermeiden sollten?
Daniel Kutschenko: „Vor allem muss eine Frontenbildung verhindert werden. Die Gen Z ist schließlich kein Gegner. Daher ist ein wechselseitig interessierter Austausch so wichtig. Eine offene und ehrlich kommunizierte Unternehmenskultur wird von den Jungen anerkannt und nach unserer Erfahrung auch sehr geschätzt. Leere Versprechungen machen wütend und absolut wechselbereit. Besonders an mittelständische Unternehmen appellieren wir, sich der Gen Z und deren Bedürfnissen mehr zu öffnen. Dies kann nur ein Gewinn sein, und schließlich lernt man voneinander. Das Zugehen auf diese Generation ist eine strategische Schlüsselaufgabe.“
Was müssen Unternehmen außerdem bieten?
Daniel Kutschenko: „Wir werden oft von Kandidaten gefragt, wie sich das jeweilige Unternehmen für den Umweltschutz und bei sozialen Themen engagiert. Wenn ein Unternehmen hier keine schlüssige Antwort geben kann, ist das bereits ein KO-Kriterium. Vor allem Nachhaltigkeit ist ein Mega-Thema geworden. Doch Vorsicht, Stolperfalle: Unternehmen sollten sich und ihren gewachsenen Werten treu bleiben und sich nicht über Nacht hipper, jünger und nachhaltiger darstellen als sie de facto sind. Junge Menschen durchschauen solche Augenwischereien.“
Sind klassische Werte noch gefragt?
Tim Gering: „Authentizität ist der richtige Weg. Wir sehen, dass klassische Werte, wie sie etwa in mittelständischen Unternehmen, die über Generationen am Markt sind, gelebt werden, auch für die Gen Z durchaus reizvoll sein können. Dazu gehört Nachhaltigkeit im Sinne der unternehmerischen Verantwortung, sprich, die Perspektive über Generationen hinweg. Auch von Werten wie Verlässlichkeit, Vertrauen und regionale Verortung und Verantwortung fühlen sich die Jahrtausendkinder angesprochen.“
Wie gehen junge Berufstätige mit vermeintlichen Fehlern um?
Tim Gering: „Zunächst: Die Generation Z hat auch nach unserer Wahrnehmung ein großes Bewusstsein für das, was sie will. Ihre Haltung ist eindeutig: ‚Ich muss meinen Werten gegenüber loyal sein, und nur wenn meine Werte zu einem Unternehmen passen, bin ich dort richtig‘. Fehlentscheidungen, ob falscher Job oder die falsche Firma, werden erstaunlich schnell korrigiert.“
Nach der Generation ist vor der Generation. Womit wird uns die Generation Alpha überraschen?
Daniel Kutschenko: „Die Gen Z ist anders als die Generation davor. Und die darauf folgende Generation wird wiederum eine andere sein. Das ist ein ganz natürlicher Prozess, den man seit jeher kennt. Jede Generation hat ihre eigenen Werte und will sich beweisen. Für die Generation Alpha, die ab dem Jahr 2010 Geborenen, werden KI, Chatbots, 3D-Druck, autonomes Fahren und Deep Learning absolut alltäglich sein. Vermutlich werden sie sich noch viel stärker mit Klimaschutz, Wasserknappheit und sozialem Zusammenhalt in der Gesellschaft beschäftigen müssen. Da jede Generation sich abgrenzt von den Älteren, wäre es denkbar, dass die Kinder der heutigen ‚Helikopter-Eltern‘ ihren Kindern bei der Erziehung viel mehr ‚Bewegungsfreiheit‘ geben. Wie sich das auf deren Karrierewege auswirkt, bleibt spekulativ. Vermutlich aber wird man sich rückblickend über unsere Gegenwart wundern, als man viele Unternehmen noch von der Digitalisierung und den Digital Natives überzeugen musste.“
„Gerade mittelständische Unternehmen können bei der Gen Z gut punkten. Entscheidend ist, dass sie bei den Themen Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit schlüssige Antworten geben können.“ Daniel Kutschenko



