Im Gespräch mit HAGER Executive Consulting erzählt Dr. Thomas Ignatzi, wie ihn sein Weg aus dem klassischen Banking bis in den Profifußball geführt hat – und was Führungskräfte in der Finanzwelt daraus lernen können.

Karrierewege in der Finanzbranche galten lange als stabil und berechenbar. Typisch war ein festes Muster: Ausbildung, Studium, Einstieg in der Bank, Aufstieg, Führung. Doch dieses lineare Modell verliert zunehmend an Gültigkeit. Geschäftsmodelle wandeln sich, Aufgabenprofile werden neu definiert, Branchen wachsen zusammen – und Karrierewege verlaufen immer häufiger abseits klassischer Linien.
Wie vielfältig und zugleich konsequent solche Wege sein können, zeigt das Beispiel von Dr. Thomas Ignatzi.
Sein Werdegang begann klassisch: mit einer Bankausbildung, anschließend einem Jurastudium. Es folgten internationale Stationen und Führungsaufgaben in stark regulierten Finanzinstitutionen. Über viele Jahre trug er Verantwortung in herausfordernden Umfeldern, traf Entscheidungen unter Unsicherheit und steuerte Organisationen durch komplexe Situationen und Krisen.
Als Vorstand der Westend Bank setzte er auf ungewöhnliche, aber äußerst wirksame Geschäftsmodelle. Dazu zählten die Finanzierung von Oldtimern und Kunstwerken ebenso wie die Vorfinanzierung von Transferforderungen im Profifußball. Verpflichtet ein Verein einen Spieler und zahlt die Ablösesumme in mehreren Tranchen über mehrere Jahre, übernimmt die Bank diese Forderung. Der verkaufende Klub erhält die gesamte
Summe sofort, statt auf spätere Zahlungen warten zu müssen. Ein lukratives und bemerkenswert robustes Modell.
Dies blieb im Profifußball nicht unbemerkt. Auch der VfB Stuttgart wurde auf Thomas Ignatzi aufmerksam. Nach wenigen Gesprächen folgte ein Schritt, der auf den ersten Blick ungewöhnlich wirkt – und sich bei genauerem Hinsehen als konsequent erweist: Er übernahm die Rolle des Finanzvorstands.
Denn Profifußballvereine agieren heute wie mittelständische Unternehmen – mit wachsenden regulatorischen Anforderungen, komplexen Finanzstrukturen und einer enormen öffentlichen Sichtbarkeit. Gefragt sind Führungspersönlichkeiten, die Risikoentscheidungen souverän treffen, Governance beherrschen und Organisationen strategisch steuern können.
Für die Reihe „Karrieren in der Finanzwelt“ sprechen Martin Korn (Manager Banking, HAGER Executive Consulting) und Richard Golz (Partner Sports, HAGER Executive Consulting) mit Thomas Ignatzi über Führung, Entscheidungen unter Unsicherheit, Netzwerke – und darüber, was Wirtschaft und Spitzensport voneinander lernen können.
(Das Interview wurde zur besseren Lesbarkeit strukturiert und sprachlich leicht bearbeitet. Inhalt und Aussagen entsprechen dem Gespräch.)
Frühe Prägung und Einstieg in die Finanzwelt
Martin Korn: Thomas, lass uns ganz vorne anfangen. Was hat dich ursprünglich in die Finanzwelt geführt?
Thomas Ignatzi: Der Einstieg war tatsächlich ein Schulpraktikum bei der Commerzbank in der 10. Klasse. Schon damals haben mich wirtschaftliche Zusammenhänge interessiert. Nach dem Abitur und der Bundeswehr bin ich zur Commerzbank zurückgekehrt und habe dort eine Ausbildung begonnen.
Im Anschluss habe ich mich für ein Jurastudium entschieden und wurde parallel in den Förderkreis der Bank aufgenommen. Das war eine sehr prägende Zeit, weil sich Studium, Traineeausbildung und internationale Einsätze miteinander verbunden haben – unter anderem in New York, Singapur und im Headquarter in Frankfurt.
Rückblickend war das ein sehr solides Fundament für alles, was danach kam.
Karriereplanung: weniger Ziel, mehr Szenario
Martin Korn: Du beschreibst das als eher klassischen Weg. War das alles von Anfang an geplant?
Thomas Ignatzi: Nein, überhaupt nicht. Es gab kein festes Karriereziel, eher ein Szenariodenken. Ich habe mir nie gesagt: „In zehn Jahren will ich genau diese Funktion haben.“
Mir war aber immer wichtig, möglichst breit aufgestellt zu sein, eine generalistische Ausbildung zu haben und offen für neue Themen und Netzwerke zu bleiben. Und natürlich von guten Leuten lernen zu können.
Internationalität, inhaltliche Flexibilität und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen – zeitlich wie räumlich – waren dabei zentrale Elemente. Das ist aus meiner Sicht bis heute das Gebot der Stunde, gerade in der Finanzwelt.
Fußball: emotional präsent, wirtschaftlich noch kein Thema
Richard Golz: Bevor wir über deinen späteren Weg sprechen: Wie sah dein Verhältnis zum Sport damals aus?
Thomas Ignatzi: Fußball war emotional präsent, aber wirtschaftlich noch nicht vergleichbar mit heute. In den 80er- und frühen 90er-Jahren waren Vereine überwiegend eingetragene Vereine, nicht die hochprofessionalisierten Organisationen, die wir heute kennen.
Heute sind Proficlubs mittelständische Unternehmen – gemessen an Umsatz und Mitarbeiterzahl – aber gleichzeitig mit der öffentlichen Wahrnehmung eines DAX-Konzerns. Diese Entwicklung war damals so noch nicht absehbar.
Vom Juristen ins Firmenkundengeschäft
Martin Korn: Du hast Jura studiert, bist aber relativ schnell aus der Rechtsabteilung ins Firmenkundengeschäft gewechselt. Warum?
Thomas Ignatzi: Ich hatte einen Mentor, der zu mir gesagt hat: „Du bist nicht der Typ fürs Ende der Wertschöpfungskette – komm nach vorne in die Akquisition.“
Das hat mich sehr geprägt. Im Firmenkundengeschäft bist du näher an Entscheidungen, an Verantwortung und an der operativen Realität. Dort lernst du, wie Strategie, Risiko und Menschen tatsächlich zusammenwirken.
Rückblickend habe ich dort Führung wirklich gelernt.

Führung: Orientierung, Vertrauen und Haltung
Martin Korn: Was verstehst du unter guter Führung?
Thomas Ignatzi: Führung bedeutet, Strategien und Ziele mit Menschen umzusetzen und zu erreichen. Vertrauen ist dafür die Basis.
Narzissten, Mikromanager oder Führungskräfte ohne Rückgrat sind langfristig nicht erfolgreich.
Als Führungskraft musst du Orientierung geben, Ziele setzen und anpassen, Verantwortung übernehmen und fair sowie respektvoll mit Menschen umgehen. Dazu gehört auch, ehrlich zu sein – selbst dann, wenn man nicht alles sagen kann. Unwahrheit ist kein Führungsinstrument.
Führung ist das Entscheiden – besonders in Krisenzeiten
Martin Korn: 2009 hast du eine Geschäftsführerrolle übernommen – mitten in der Finanzkrise. Wie trifft man in solchen Zeiten Entscheidungen?
Thomas Ignatzi: In der Finanzwelt geht es immer um Risiko. Banken und Versicherungen sind professionelle Risikomanager. Wenn ich Risiken kenne, kann ich sie akzeptieren, ablehnen oder mitigieren.
Man kann nicht alles wissen, aber man muss sich schnell hineindenken können. Ein guter Chef hat mir einmal gesagt: „Ein Problem macht dich in 15 Minuten zum Fachmann.“
Manchmal reicht eine 80-Prozent-Lösung nach dem Pareto-Prinzip, manchmal braucht es einen Deep Dive. Entscheidend ist, handlungsfähig zu bleiben und Prioritäten richtig zu setzen.
Wechsel, Abschiede und Netzwerke
Martin Korn: Du hast viele Wechsel erlebt. Was war dir dabei besonders wichtig?
Thomas Ignatzi: Zunächst mit guten Leuten zusammenzuarbeiten, und das in einem positiven Umfeld. Und wenn man geht, dann als Good Leaver – keine Brücken einzureißen.
Netzwerke entstehen nicht erst in der Krise, sondern über Jahre. Beziehungen müssen gepflegt werden, unabhängig davon, ob man sie gerade braucht.
Man begegnet sich im Leben immer zweimal – dann lieber mit Respekt und auf Augenhöhe.
Banking und Profifußball: kein Bruch, sondern Konsequenz
Richard Golz: Der Wechsel vom Banking in den Profifußball wirkt von außen radikal. Wie kam es dazu?
Thomas Ignatzi: Überraschend. Der Headhunter rief mich an, als ich abends gerade beim Optiker war: „Können Sie morgen um neun in ein Gespräch?“
Der Wechsel war kein Bruch, sondern eine Weiterentwicklung. Proficlubs sind heute weitgehend Unternehmen, mit hoher Regulatorik, komplexen Finanzstrukturen sowie Governance und entsprechenden Compliance-Strukturen.
Der größte Unterschied: Emotion und Öffentlichkeit
Martin Korn: Was war für dich die größte Umstellung?
Thomas Ignatzi: Die Extreme der Emotionalität.
Im Fußball gibt es jede Woche eine Art Bilanzpressekonferenz. Mehrere Siege erzeugen Euphorie, mehrere Niederlagen führen in die Vollkrise – und dass unabhängig von der Managementleistung. Diese Dynamik gibt es in der Wirtschaft in dieser Intensität nicht. Auch fehlt der unmittelbare Einfluss auf Erfolg – Stichwort: Innen- oder Außenpfosten.
Zusätzlich gibt es enorm viele Stakeholder: Mitglieder, Fans, Medien. Fans sind gleichzeitig Kunden, Kritiker und dauerhafte Controller.
Führung im Spitzensport – was besonders beeindruckt
Richard Golz: Was hat dich an Führung im Sport besonders beeindruckt?
Thomas Ignatzi: Vor allem drei Dinge:
Die Führungsspanne eines Trainers: Ein Cheftrainer führt 30–35 Spieler plus Staff. Multikulturell, mit hoher Fluktuation, unter permanenter öffentlicher Beobachtung.
Mindset und Resilienz von Spitzensportlern: Im Sport geht es nicht darum, Fehler zu vermeiden, sondern Spiele zu gewinnen. Mut, Selbstvertrauen und Ownership unterscheiden Spitzensportler. Niederlagen sind kein Scheitern, sondern Schritte zum nächsten Level.
Teamorientierung: Im Zweifel geht es immer um die Mannschaft, nicht um das Ego.
Das alles kann sich die Wirtschaft abschauen.
Das Team hinter dem Team
Martin Korn: Wie hast du dein eigenes Team im Club erlebt?
Thomas Ignatzi: Unglaublich engagiert. Das Team hinter dem Team – Personal, Recht, Compliance, Sicherheit, Infrastruktur und Finanzen – leistet enorm viel, oft unsichtbar.
Gerade in Zeiten von Abstiegsgefahr, Relegation oder Trainerwechseln ist diese Stabilität entscheidend.
Das Nachwuchsleistungszentrum als strategischer Kern
Martin Korn: Welche Rolle spielt das Nachwuchsleistungszentrum aus deiner Sicht?
Thomas Ignatzi: Das NLZ ist im Grunde die Forschungs- und Entwicklungsabteilung eines Fußballclubs. Ich habe das immer mit einem schwäbischen Maschinenbauer verglichen – dort entsteht das zukünftige Produktportfolio.
Entweder Spieler schaffen es in die Profimannschaft oder generieren später Transfererlöse. In beiden Fällen ist das NLZ ein strategischer Kern des Vereins und kann sogar gut mit Kennzahlen messbar gemacht werden.
CFO-Handwerk im Fußball
Martin Korn: Wie plant man Finanzen zwischen erster und zweiter Liga?
Thomas Ignatzi: Mit Dualplanung – zwei vollständigen Businessplänen. Sportlicher Erfolg und Wirtschaftlichkeit sind eng verknüpft.
Wichtig ist vor allem Liquidität: Um Spieler kaufen können, ohne vorher verkaufen zu müssen und natürlich für Unvorhergesehenes
Lernen vom Spitzensport
Richard Golz: Was kann die Wirtschaft vom Spitzensport lernen?
Thomas Ignatzi: Mut, Verantwortung und Gewinnermentalität. In der Wirtschaft dominiert häufig Fehlervermeidung. Im Sport geht es darum, Chancen zu nutzen und Verantwortung zu übernehmen – auch auf die Gefahr hin, zu scheitern.
Persönliche Highlights beim VfB
Martin Korn: Was waren deine persönlichen Highlights?
Thomas Ignatzi: Zu vorderst die Transformation eines Klubs in sportlich wie wirtschaftlich akut prekäre Lage hin zu einem finanziell stabilen Klub mit guter Liquidität, stillen Reserven und angemessener Eigenkapitalausstattung. Alsdann die Entwicklung der Infrastruktur mit einer neuen Athletikhalle und einem dreistelligen Millionenumbau des Stadions für die EM 2024. Sodann waren wir Gastgeber für fünf EM-Spiele, unter anderem Deutschland gegen Spanien.
Und in der Folge dann natürlich der Moment, als die Champions-League-Hymne im eigenen Stadion erklang. Und schließlich der unbeschreibliche DFB-Pokal-Sieg – ein perfekter Abschluss.
Persönliche Learnings – und was bleibt
Martin Korn: Was nimmst du persönlich mit?
Thomas Ignatzi: Führung bedeutet Ownership. Erfolgsbausteine sind Talent, Training und noch viel mehr Mindset – und am Ende geht alles nur mit Menschen. Ohne meine Familie als Rückhalt wäre vieles so nicht möglich gewesen.
Martin Korn: Zum Abschluss: Was machst du heute?
Thomas Ignatzi: Ich engagiere mich in Aufsichtsräten, bin an einem Start-up beteiligt und lehre Finanzen im Sportmanagement an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg. Der Austausch mit jungen Menschen ist für mich sehr bereichernd.
Karrieren sind selten linear.
Richard Golz und Martin Korn: Thomas, wir danken dir für dieses tolle Gespräch!



